Kurz vor dem Start der Maikerwe herrscht im Lössel-Festzelt in Kaiserslautern Hochbetrieb. Überall wird noch gewerkelt, dekoriert und vorbereitet. Fast sieht schon alles perfekt aus – doch Peter Lössel weiß: Bis zum traditionellen Fassbieranstich gibt es noch einiges zu tun, damit auch in diesem Jahr wieder alles reibungslos läuft.
Mit seiner beliebten Hahnenbraterei gehört das Lösselzelt längst zu den festen Anlaufstellen auf der Kerwe. Serviert wird deftige Wirtshausküche nach urfränkischer Art – allen voran die berühmten fränkischen Brathähnchen, die jedes Jahr aufs Neue viele Besucher anlocken.
Dass die Familie Lössel vor fast 100 Jahren überhaupt in Kaiserslautern landete, lag am guten Riecher des Großvaters. Der wusste schon damals: Fränkische Spezialitäten verkauft man besser außerhalb Nürnbergs. Früh war die Familie auf Volks- und Weinfesten in der ganzen Region unterwegs, unter anderem auf dem Dürkheimer Wurstmarkt. Damals reiste der Großvater mit Motorrad und Beiwagen durchs Land – im Gepäck Dachlatten, ein blaues Tuch und Werkzeug für den mobilen Verkaufsstand. Später kam ein Opel Blitz dazu, ein kleiner Lastwagen – das Geschäft wuchs, und die nächste Generation stieg mit ein.
Heute touren die Lössels noch immer über Volksfeste – mit zwei festen Stopps pro Saison in Kaiserslautern. „Heutzutage reisen wir wie Zirkus Sarrasani durch die Lande“, sagt Peter Lössel lachend. Sieben große Sattelauflieger mit jeweils rund 24 Tonnen Material rollen dafür an, dazu kommen sieben Campingfahrzeuge für das Personal. Neu ist inzwischen auch ein eigener Dusch- und Toilettencontainer.
Aus Nürnberg reisen die Lössels mit Teams für Transport, Auf- und Abbau an, dazu kommen Reinigungs- und Servicekräfte – das sind bis zu 35 Personen, die bei der Lautrer Kerwe im Einsatz sind. „Früher waren das vor allem polnische Arbeiter, heute kommt seit vielen Jahren fast das komplette Personal aus Rumänien“, erzählt Lössel. „Ohne die Rumänen gäbe es viele Volksfeste gar nicht mehr – das ist einfach die Realität.“
Immer wieder wird das Interview vom Klingeln des Handys unterbrochen. Im Minutentakt gehen neue Reservierungen ein. Oft sind es Stammgäste, und Peter Lössel weiß meist genau, was sie bestellen. Viele Termine haben längst Tradition: Eine Firmenbelegschaft kommt etwa immer am verkaufsoffenen Sonntag – zur gleichen Uhrzeit. „Da fehlt dann nur noch die Personenzahl“, sagt er.
Genau das mache die Lautrer Kerwe für ihn aus. „Das ist wie alte Freunde treffen – ein bisschen wie heimkommen.“
Die Reservierungsliste wächst weiter, und Lössel freut sich über die treue Kundschaft. „Ich bin diese Maikerwe zum 54. Mal hier dabei, auf der Oktoberkerwe dann zum 55. Mal“, erzählt er. Nach der Schule sei er direkt in den Betrieb eingestiegen. „Freiwillig war ich schon als Kind gern dabei – im Zelt helfen war mir lieber als Hausaufgaben machen.“
Während der Senior erzählt, ist der Junior längst im Festzelt unterwegs und kümmert sich um tausend Dinge. Die fünfte Familiengeneration steht bereits in den Startlöchern. „Wir haben die Kinder nie gedrängt“, sagt Lössel. Lange habe es so ausgesehen, als würde keiner den Betrieb übernehmen. Der Sohn lernte zunächst Brauer und Mälzer und schloss seine Ausbildung als einer der Besten in Bayern ab. Dann kam die Wendung: „Papa, ich möchte den Betrieb weitermachen.“
Stolz kann der Vater das Unternehmen übergeben – wirtschaftlich solide aufgestellt und gut für die Zukunft gerüstet. Volksfeste wird es weiterhin geben, und dank moderater Platzgelder und Energiekosten in Kaiserslautern sowie der großen Treue der Stammgäste ist auch in den kommenden Jahren fest mit den Lössels zu rechnen.
Wer das Lösselzelt bisher noch nicht kennt, sollte in den kommenden Tagen unbedingt vorbeischauen. Denn hier treffen Kerwe-Stimmung, fränkische Gastfreundschaft und fast 100 Jahre Familientradition aufeinander. Mit etwas Glück trifft man den Seniorchef persönlich und hört ihm bei seinen Geschichten zu – von den Lautrer Schulzeiten als Schaustellerkind, der ersten Zigarette „hinten in der Unterführung am Bahndamm“, alten Kindheitsfreunden wie dem „Tinnjer“ *, der einst ein großer Torhüter hätte werden können. Lautre: Ein echtes Stück Heimat für Peter Lössel.
Was bleibt, ist der Wunsch für die kommenden Tage: perfektes Kerwe-Wetter – rund 22 Grad und leicht bewölkt – dazu „guter Hunger und Durst, nette Gesellschaft und eine Mordsgaudi für alle“. Und zum Abschied ein fränkisches: Ade!
* Tinnjer = Tüncher = Maler 😊